Die 25. Forstexkursion mit und von Peter Ostertag führt in die Save-Tiefebene in Kroatien
Von Anne-Claire Fink
Voller Erwartung lassen wir uns am Ostermontag die ca. 800 km durch wechselnde Landschaften bis Ivanic Grad zu unserem Hotel fahren. Dort ein Empfang mit Schnaps und einem Abendessen mit riesigen Fleischplatten.
Dienstags fahren wir auf der Autobahn in den Naturpark Lonjsko Polje, vorbei an in der weiten Ebene verstreut liegenden Ölpumpen. Prof. Marijan Grubešić von der forstlichen Fakultät der Hochschule Zagreb erklärt uns, dass die Save als letzter größtenteils unregulierter Fluß eine gewaltige Tiefebene mit riesigen Auenlandschaften mit fruchtbaren Böden bildet, die auch landwirtschaftlich genutzt werden. 1989 wurde der Naturpark gegründet. Er ist 100 km lang und umfasst 50.650 ha. Er ist eines der größten geschützten Feuchtbiotope Europas.
Im Infozentrum Krapje können wir ein typisches historisches Straßendorf mit sehr kleinen Holzhäusern aus Stieleichenbohlen besichtigen. Diese wurden in den Ecken verzinkt, hatten nummerierte Teile, da sie bei Überschwemmungen versetzt werden konnten. Sie stehen auf losen Backsteinen. Im Erdgeschoss wurden Vorräte gelagert, gewohnt wurde im Obergeschoss und winzigem Dachspitz mit Außentreppe, von wo man bei Hochwasser in ein Boot steigen konnte. Winzige Fenster hielten die Besteuerung niedrig. Die Dachstühle waren aus Erlenholz, gedeckt mit Ried, später Schindeln.
In ganz Slawonien haben wir diesen Haustyp gesehen, selten restauriert, oft völlig von Efeu überwachsen, daneben Steinhäuser, diese auch oft verwaist oder als Ruinen. Denn die ganze Gegend leidet unter starker Landflucht.
In den 60er Jahren überschwemmte eine Jahrhundertflut Zagreb, danach wurden überall Dämme an der Save errichtet, welche die Retentionsflächen durch Schleusen in zwei Richtungen mit dem Fluss verbinden. Trotzdem sind seither Probleme mit dem Grundwasserstand entstanden, wodurch die Auenwälder gefährdet sind.
Wir besichtigten eine weite Wasserfläche , gesäumt von Eichenwäldern, mit Hochwassermarken an den Stämmen in 2-3 Meter Höhe, die ab Mitte Mai nach Abfließen des Wassers bis November als gemeinsame Viehweide genutzt werden wird: Von Wisenten, Posavina-Pferden, Rindern und Gänsen. Seit dem Ausbruch der Schweinegrippe werden die Turopolje-Schweine, eine autochtone, stark behaarte alte Rasse, doppelt eingezäunt auf Waldweiden gehalten.
Wir fahren nach Cigoc, seit 1994 Storchendorf der EU. Dort bekommen wir ein landestypisches Essen mit Schnaps zur Begrüßung und wieder riesige Fleischplatten mit Würsten, Speck, Schnitzel, Spieße und verschiedene Beilagen. Danach besichtigen wir das Dorf mit seinen typischen Eichenbohlenhäusern, überall mit Storchennestern gekrönt. Da ein solches Nest mehrere 100 kg wiegt, sind die Dachstühle extra stabil gebaut. Früher zog der Rauch ohne Kamin durch das Dach und konservierte das Holz. Eines dieser Häuser können wir betreten und staunten, wie hier auf engstem Raum bis zu 18 Personen leben konnten. Im Besucherzentrum sehen wir einen kurzen Film über Störche. Diese bleiben Partner und Nest treu, während Jungstörche ihre ersten drei Jahre in Afrika verbringen.
Am Mittwoch fuhren wir bei strahlendem Sonnenschein nach Osekovo und werden im Besucherzentrum freundlich empfangen und über die seltenen Arten im Naturpark informiert.
Zahlreiche Vogelarten und besondere Pflanzen wie Minze, Sumpfklee, Wassernuss, Bastardindigo wachsen hier. Und als Neophyt Amorpha fructicosa, ein holziger Strauch, der sich auf freien Flächen stark ausbreitet und das Aufwachsen von jungen Bäumen verhindert. 1990 wurden zwei Biberpaare ausgesetzt, jetzt haben sie das gesamte Gebiet besiedelt. Der Goldschakal wird für die Weidetiere eine Gefahr, wenn er im Rudel jagt.
Ein ausgedehnter Spaziergang führt vorbei an großen Weiden mit vielen ortstypischen Weidetieren bis an ein riesiges überschwemmtes Feld. Der aufgeschüttete Weg erspart uns wieder die Gummistiefel. Hier steht der Nachbau eines hölzernen Wachturmes - er diente im 16. Jahrhundert der Grenzsicherung zwischen Österreich-Ungarn und dem Osmanischen Reich. Die Luft ist erfüllt vom Rufen unzähliger Kröten und Frösche.
Nachmittags bekommen wir eine Stadtführung durch Ivanic Grad, eine Kleinstadt mit wechselvoller Geschichte, heute gezeichnet von Krieg und Erdbeben.
Am Donnerstag besuchen wir die Forstfakultät in Zagreb, erhalten eine kurze Übersicht über die forstlichen Aktivitäten. Immerhin sind 50% der Fläche Kroatiens mit Wald bedeckt, davon sind 80% Staatswald. In einem der Labore wird uns der Prozess der Holzverflüssigung erklärt, woraus umweltverträgliche Produkte geschaffen werden sollen, die Kunststoffe ersetzen.
Danach werden wir durch den Maksimir-Park geführt. 360 ha Kirchenwald wurden von Bischof Maksimir vor 250 Jahren den Einwohnern von Zagreb zur Erholung und Erbauung geöffnet. Es wurden Wiesen, Seen und Pavillons angelegt und der Wald wurde nicht mehr bewirtschaftet. Heute werden nur gefährliche oder auf Wege gestürzte Bäume aufgearbeitet. Dadurch gibt es einen sehr alten Eichenbestand (Quercus rubur und Quercus petra), auch seltene Baumarten und sieben Spechtarten.
Durch absinkendes Grundwasser ist insbesondere der alte Eichenbestand sehr gefährdet.
Nach einem ausgezeichneten Mittagessen im Parkrestaurant fahren wir mit der Straßenbahn für 53 Cent in die Innenstadt. Dort zeigt uns Prof. Grubesic einige historische Gebäude von der Oberstadt aus, wo die ältesten Gebäude erhalten sind. Zagreb ist seit 1850 Hauptstadt Kroatiens, kann aber auf eine mindestens 900-jährige Geschichte zurückblicken.
Die Spuren verheerender Erdbeben in den Jahren 1880 und 2020 sind heute noch sichtbar: Die größte Kathedrale ganz Kroatiens ist komplett eingerüstet.
Unzählige kleine Bars und Cafés laden zum Verweilen ein, die Stadt wirkt jung und lebhaft. Sie hat circa 800.000 Einwohner, ganz Kroatien hat 3,8 Millionen Einwohner.
Am Freitag führt uns Prof. Grubesic in den Urwald Prasnik bei Nova Gratica, einem seit 140 Jahren geschützten Wald mit 45 ha. Wir werden mit Getränken begrüßt, dann sehen wir die größten Eichen unseres Lebens: Die Größte mit einem BDH von 261 cm, einem Umfang von 8,13 m, 42 m hoch und circa 250 Jahre alt. Dazwischen Hainbuchen mit bizarr durchlöchertem Stamm, alles überschirmt mit frischem Blattgrün. Viele umgestürzte Baumriesen liegen hingestreckt und bilden mannshohe zerfallende Barrieren, erobert von jungen Pflänzchen. Hier hat der Hirschkäfer mit seinem jahrelangen Entwicklungszyklus noch eine Überlebenschance. Im Bildungszentrum Opeke werden wir mit Wildgulasch aus eigener Jagd verwöhnt, nach einem Jagdhorn-Dank an die Köchin spricht der Professor über die Jagd. Auf 8400 ha (davon 6000 ha Wald) stehen Hirsche und Wildschweine, und nur circa 50 Stück Rehwild, dezimiert durch Leberparasit und Goldschakal, außerdem Niederwild und Fasane. Braunbär, Wolf und Luchs kommen nur in den Dinarischen Bergen vor.
Wir besichtigen verschiedene alte Bestände von Stieleichen, Hainbuchen, Eschen, wenigen Schwarzerlen, die jüngsten stark von Amorpha fructosa überwuchert. Die Kulturen werden eingezäunt gegen Verbiss, was bei Überflutung zur tödlichen Falle für Wildtiere werden kann.
Als Abschied und Dank für Prof. Grubesic erklingen noch ein letztes Mal die Hörner im Wald, dann werden wir im Hotel wieder mit großen Platten, heute mit verschiedenen Fischen empfangen.
Ein letzter sangesfreudiger Abend beschließt Tage mit hochinteressanten Einblicken in eine völlig andere Welt.